NETZWERK UND SCHULE

  Unterrichtsintegrierte Mediennutzung

 

Unterrichtsintegrierte Mediennutzung setzt technische und pädagogische Unterstützung der Schulen voraus


von Andreas Breiter (Quelle: SchulVerwaltung spezial, Nr. 1/2001, S. 42-43)

Einleitung

Die Euphorie in den Schulen, bei Schulträgern, in den Kultusministerien wie auch in Wirtschaft und Gesellschaft hinsichtlich der Möglichkeiten des Einsatzes neuer Medien im Unterricht ist groß. Von einer intensiven Nutzung wird sich unter Verweis auf Evaluationsergebnisse viel versprochen: bessere Lernleistungen, zeitgemäßer Unterricht und nicht zuletzt Medienkompetenz. Die meisten Förderprogramme konzentrieren sich auf die Ausstattung der Räume, die Fortbildung der Lehrkräfte und die Weiterentwicklung der Curricula. Unterschätzt wird dabei der organisatorische Aufwand, der mit einer fächerintegrierten Nutzung verbunden ist. Im Folgenden sollen insbesondere Aspekte der technischen und pädagogischen Unterstützung für die Schulen verdeutlicht werden.


1. Schulen werden zu Maschinenparks

Durch staatliche Förderprogramme, Eigeninitiative der Schulen und Sponsoringaktionen wächst in allen Schulen ein Maschinenpark" heran, der dem eines klein- oder mittelständischen Unternehmens gleicht. Die Forderung nach einer fachintegrierten Nutzung von Computern und Internet führt nicht mehr nur zu einer Ausstattung von speziellen Computerräumen, sondern sukzessive aller Unterrichtsräume. Dies verursacht Folgeprobleme, die bislang kaum abgeschätzt worden sind. Nach allen Erfahrungen aus Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen ist davon auszugehen, dass die Total Cost of Ownership (TCO)" von Informations- und Kommunikationstechnik in Schulen über einen Zeitraum von vier Jahren mindestens das Doppelte der Erstinvestitionen beträgt. Dabei ist noch unterschätzt, welche Kosten die Qualifizierung des unterrichtenden und nichtunterrichtenden Personals in der Schule, beim Schulträger und bei der Schulaufsicht verursacht.

Der unterrichtliche Einsatz von Computern und Internet bedeutet ein Zusammenschmelzen von Aufgaben, die bisher klar zwischen kommunalen Schulträgern und dem Land getrennt werden konnten: ist das Betriebssystem eines Computers Lehr- oder Lernmittel, ist die Wartung und der Betrieb der technischen Anlagen (= Medien) nebst Unterstützung der Nutzerinnen und Nutzer Sache des Schulträgers oder der Länder? Von der Beantwortung dieser Fragen hängen grundlegende Entscheidungen hinsichtlich der Finanzierung ab.


2. IT-Planung und Medienkonzepte als Entscheidungsbasis

Gerade die organisatorischen Veränderungen durch den Einsatz neuer Medien für das Schulsystem werden oft unterschätzt. Schulen müssen zu lernenden Organisationen" werden und ihren IT-Einsatz langfristig planen. Gleichermaßen ist es Aufgabe der Schulträger, durch eigene Planungen ihren Schulen eine Sicherheit zu geben und sie bei der technisch-organisatorischen Ausgestaltung zu unterstützen. Der IT-Plan der Schule muss auf pädagogischen Überlegungen in Abstimmung mit dem Schulprogramm oder ­profil basieren, um die Dominanz der Technik und damit auch der technisch-naturwissenschaftlichen Fachbereiche zu reduzieren und zu einer Integration in alle Fächer zu kommen. Die Verabschiedung des IT-Plans erfolgt durch die Schulgremien, seine Genehmigung obliegt der Schulaufsicht in Zusammenarbeit mit dem Schulträger, die entsprechend qualifiziert werden muss. An die Vorlage eines solchen Medienkonzeptes muss in Zukunft die Mittelvergabe geknüpft werden.

Es handelt sich um einen Organisationsentwicklungsprozess, der geplant und organisiert werden muss (vgl. Breiter & Kubicek 1999).


3. Problembereiche aus Sicht der Schulen

Auf der Basis von Vollerhebungen bei Schulen in zwei Großstädten (Stadtgemeinde Bremen und Frankfurt am Main) über die Ausstattungs- und Nutzungssituation konnten verschiedene Problembereiche ausgemacht werden. Dabei stand aus Sicht der Schulen weniger die fehlende Ausstattung mit Hard- und Software im Vordergrund als die unzureichende technische und pädagogische Unterstützung bei der konkreten Arbeit im Unterricht. Auf einer Skala von eins bis fünf erhielt der Support die schlechteste Note. Dies deckt sich mit den Erfahrungen aus Schulbesuchen und den öffentlichen Klagen der Systembetreuer und lässt vermuten, dass nur eine schnelle Lösung dieser Probleme zu einer nachhaltigen Nutzung neuer Medien im Unterricht führen wird.

In Deutschland zeigt sich erst seit kurzem ein Problembewusstsein, was die zeitliche und inhaltliche Überlastung weniger engagierter Lehrkräfte angeht. Ein Maschinenpark von 20 bis 50 Rechner und dessen Nutzung durch alle Fächer und Lehrkräfte ist nicht mehr von einer Person nebenbei zu erledigen, zumal es sich um eine heterogene Hard- und Softwareausstattung handelt. Selbst eine umfangreichere Stundenermäßigung könnte den Supportbedarf nicht decken ­ Lehrkräfte sind in den meisten Schulen nicht ausreichend fachlich qualifiziert. Trotz der schulgesetzlichen Trennung zwischen Personal- und Sachaufwandsträgern muss es wegen der Überschneidung der Aufgabenbereiche zu einer engen Abstimmung zwischen Ländern und kommunalen Schulträgern kommen. Aus den Erfahrungen mit Schulen im In- und Ausland lässt sich ableiten, dass eine Verknüpfung zwischen technischem und pädagogischen Support sinnvoll ist, allerdings aufgrund der gegebenen räumlichen und fachlichen Strukturen in den verschiedenen Bundesländern, zwischen Großstädten, Flächenkreisen bis zu kleinen Gemeinden höchst unterschiedlich realisiert werden muss.


4. Lösungsansätze

Für den pädagogischen Support müssen neben den Fachlehrkräften die Bildstellen auf Landes-, Kreis- bzw. Stadtebene vorbereitet und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifiziert werden. Traditionell auf klassische Medien ausgerichtet, haben noch längst nicht alle Bildstellen den Weg zu „Medienkompetenzzentren" beschritten.

Teilweise sind sie fachlich-technisch überfordert, teilweise existieren die von den Schulen verlangten Kompetenzen, das Zeit- und Finanzbudget lässt aber eine inhaltliche Unterstützung nur bedingt zu.


Für den technischen Support gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten, die jeweils miteinander kombiniert werden können.


Zentraler Support (durch IT-Fachkräfte beim Schulträger)


Dezentraler Support (Technische Assistenten an größeren Schulen, Ermäßigungsstunden für Lehrkräfte als IT-Koordinatoren)

Outsourcing an externe Dienstleister.

Da sich die Bedingungen örtlich voneinander unterscheiden werden, sind Mischmodelle anzustreben. In manchen Fällen sind die lokalen Händler hervorragend geeignet, anderenorts ist es sinnvoller, sich auf die Lehrkräfte zu stützen. Verallgemeinerbare Lösungen für ein ganzes Bundesland sind daher nicht zu erwarten und auch nicht zu empfehlen.

Grundsätzlich ist zwischen der Netzinfrastruktur (Internet und Schulnetz) und der IT-Infrastruktur (Hard- und Software) zu unterscheiden. Der Aufbau, Betrieb und die Wartung der Netzinfrastruktur gehört in die Hände von Profis, sie muss für jeden Schulträger so einheitlich wie möglich sein und kann dann effektiv ferngewartet werden. Hierfür gibt es zahlreiche Lösungen durch Unternehmen, bei größeren Schulträgern aber auch durch die eigene IT-Abteilung. Sehr viel komplexer stellt sich die Unterstützung bei den Endgeräten dar. Hierfür bietet sich eine dreigeteilte Struktur an:


4.1 Ebene 1

Aus der Erfahrungen mit technischen Problemen im Schulalltag lässt sich festhalten, dass ohne die Lehrkraft vor Ort keine effektive Hilfe möglich sein wird. Daher ist es notwendig, in jeder Schule eine IT-Koordinatorin oder einen IT-Koordinator zu qualifizieren und zu entlasten. Sie geben Hilfestellung bei kleineren technischen Problemen und sind Ansprechpartner für das Kollegium, für die Schulleitung, für den Schulträger und für den nachgelagerten Support-Service. Ohne eine Stundenreduzierung ist eine derartige Funktion nicht auszufüllen. Eine direkte Übertragung der Aufgaben auf die bisherigen Systembetreuer ist problematisch, da sie an vielen Schulen noch nicht präsent sind und sich ihre Rolle paradox darstellt.
Einerseits sind sie die wichtigsten Promotoren des IT-Einsatzes in der Schule, andererseits verhindern sie eine Ausbreitung der Nutzung in alle Fächer durch ihre bisherige Schlüsselhoheit" über den Computerraum.


4.2 Ebene 2

Sollten die technischen Probleme vor Ort nicht zu lösen sein, wird vom Schulträger ein zentrales HelpDesk eingerichtet, das eine telefonische Hotline, eine ständig aktualisierte Liste häufiger Fragen und Antworten (FAQ) und einen Vor-Ort-Service beinhaltet. Diese Leistungen können in Kooperation mit ortsansässigen Unternehmen ( Public-Private-Partnerships") oder mit Hochschulen und Berufsschulen erbracht werden. In Städten mit Hochschulen bietet sich der Aufbau eines Support-Service mit Studierenden an, wie er bereits in Bremen erfolgreich realisiert wurde (siehe Breiter & Plehnert 2000). Eine andere Alternative ist der personelle Ausbau der existierenden IT-Abteilung des Schulträgers (Beispiel München). Beim Aufbau einer telefonischen Hotline ist zu beachten, dass der Anteil der lösbaren Probleme aufgrund der geringen Kompetenzen der Anfrager noch sehr gering ist und nicht in jedem Unterrichtsraum ein Telefon existiert  hier sind Lösungen mit Handys denkbar.


4.3 Ebene 3

Da nicht alle technischen Probleme auf der zweiten Ebene gelöst werden können und die Weiterentwicklung der IT-Infrastruktur ein hohes fachliches Know-how erfordert, muss die Einbindung von Fachleuten erfolgen. Hierbei geht es um die Planung neuer Ausstattungsmodelle, die auf pädagogischen Überlegungen beruhen dies kann nur von erfahrenen Lehrkräften mit hohem technischen Know-how durchgeführt werden. Auf der anderen Seite geht es um die professionelle Planung, Installation und den Betrieb komplexer Netzwerke (Internet und Intranet).


4.4 Technische Lösungen

In einem Experimentierstadium sind technische Lösungen, die den Supportaufwand reduzieren können. Hierzu gehören Verfahren, die eine schnelle Wiederherstellung der Startkonfiguration ermöglichen, sowie Rechner ohne Laufwerke, die ihre Software über das Netz vom Server holen ( Thin Clients") und Lösungen für wartungsarme Netze", wie sie von verschiedenen pädagogischen Landesinstituten entwickelt wurden. Durch solche Modelle kann der Vor-Ort-Service zwar reduziert werden, er wird aber nicht obsolet. Um Fernwartungssysteme zu nutzen, bedarf es eine Anpassung an Standards, die bislang nicht gegeben und auch in näherer Zukunft nicht zu erwarten ist. Langjährige Erfahrungen mit Fernwartung existieren bisher nur aus Bereichen, in denen eine homogene IT-Infrastruktur zu finden ist und standardisierte Hard- und Software verwendet wird. Sämtliche Versuche einer vollständigen Homogenisierung der Ausstattung in Schulen durch Standardvorgaben sind bereits bei einem Schulträger zum Scheitern verurteilt. Es wird in absehbarer Zeit kaum möglich sein, auf die Spendenbereitschaft von Eltern, Unternehmen oder Fördervereinen zu verzichten. Diese Ausstattung und der Eigenkauf aus dem Schulbudget lässt sich aber nur schwer durch Standards vorgeben. Sinnvoller ist daher die Definition einer Menge von in der Praxis erprobten Ausstattungsmodellen (vom Computerraum bis zum Laptop-Klassensatz) mit Garantievorgaben und Supportleistungen, aus denen die Schulen dann auswählen können (Caféteria-Prinzip"). Damit wird den Entscheidungsträgern in den Schulen geholfen und sie brauchen sich kein kompliziertes Fachwissen anzueignen. Support kann es aber dann in Zukunft nur noch für diese Modelle geben. Hier müssen sich Schulen und ihre Systemadministratoren auch von lieb gewonnenen" Einzellösungen trennen. Dies geht aber nur dann, wenn sie von den Standardlösungen überzeugt sind. Daher ist es empfehlenswert, von Anbeginn die IT-Fachleute aller Schulen in die Planungen einzubeziehen und ihnen die Vorteile einer zentralen Lösung darzulegen. So kann es dann auch gelingen, diese wichtigen Promotorinnen und Promotoren in den Schulen stärker in den pädagogischen Supportbereich zurückzuholen.


5. Fazit

Ohne eine Sicherung der Funktionsfähigkeit der IT-Infrastruktur wird eine dauerhafte Nutzung neuer Medien in den Schulen ebenso wenig erreichbar sein, wie ohne kontinuierliche Fortbildung der Lehrkräfte. Ein kostengünstiges, dauerhaftes und an den Nutzerinnen und Nutzern in den Schulen orientiertes Konzept wird ohne Verschränkung von technischem und pädagogischem Support nicht zu erreichen sein und damit ist es eine Aufgabe, der sich die staatlichen Unterstützungssysteme gemeinsam mit den kommunalen Schulträgern in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Hochschulen stellen müssen. Auch die Schulen müssen ihren Beitrag dazu leisten, denn ohne die Lehrkräfte vor Ort wird das beste Support-System nicht funktionieren. Mit einer planvollen Gestaltung des integrierten Technikeinsatz kann darüber hinaus auch ein Fundament gelegt werden, an dem sich die Ausstattung wie der Support und die Fortbildung orientieren kann. Die strukturierte Planung, Organisation und Steuerung des IT-Einsatzes ( IT-Management", vgl. Breiter 2001) ist somit eine neue und erweiterte Leitungsaufgabe in der Schule, bei den Schulträgern und der Schulaufsicht.


Literatur

Breiter, Andreas & Kubicek, Herbert (1999): IT-Planer für Schulen. Leitfaden für allgemeinbildende Schulen zur Planung, Kostenabschätzung und Finanzierung ihres Technikeinsatzes. Gütersloh. Breiter, Andreas & Plehnert, Michael (2000): Schul-Support-Service (S3) für Bremer Schulen. In: Computer und Unterricht, 37, S. 60-61. Breiter, Andreas (2001): IT-Management in Schulen. Neuwied.

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